Lesung mit Nadège Kusanika zu ihrem Buch „Unter derselben Sonne“
Zwischen zwei Welten: Deutschland und Kongo
Der Internationale Club Bad Nauheim hatte am Sonntag, den 19.4. eine besondere Schriftstellerin in die Kurstadt eingeladen: In der Wilhelmskirche las die kongolesisch-deutsche Autorin Nadège Kusanika aus ihrem ersten Roman „Unter derselben Sonne“. Im Mittelpunkt stand dabei ihr Leben zwischen zwei Kulturen – und der Wunsch, gängige Bilder über ihre Heimat zu hinterfragen.
Kusanika kam im Jahr 2003 im Alter von 15 Jahren aus der Demokratischen Republik Kongo nach Deutschland. Nach dem Abitur studierte sie Jura. In ihrem Roman verarbeitet sie persönliche Erfahrungen des Aufwachsens zwischen Herkunftsland und neuer Heimat. Entscheidend ist dabei das Gefühl des „Dazwischen“: das Erleben von Entwurzelung und die Suche nach Zugehörigkeit. Moderiert wurde die Lesung von Shila Balfanz.
Wie einseitig der Blick vieler Menschen auf Afrika ist, verdeutlicht eine Begebenheit, von der Kusanika während der Lesung berichtet. Beim gemeinsamen Kochen fragte sie eine deutsche Bekannte ernsthaft, ob es in Afrika eigentlich Herde gebe. Die Frage entstand, als Kusanika gebeten wurde, ein Gericht aus ihrer Heimat zuzubereiten. Für die Autorin steht diese Situation sinnbildlich für verbreitete Vorurteile und vereinfachende Vorstellungen vom afrikanischen Kontinent. Der Kongo werde hierzulande häufig ausschließlich mit Krieg, Krankheit und Armut in Verbindung gebracht. „Dadurch werden die Menschen im Kongo nicht mehr gesehen“, betont Kusanika. Mit ihrem Buch möchte sie ein vielschichtigeres Bild ihres Herkunftslandes zeichnen – ein Anliegen, auf das sie im Laufe der Lesung immer wieder zurückkommt.
Einen eindrucksvollen Zugang zu ihrem früheren Alltag findet sie über ein scheinbar unscheinbares Detail: ihre „Mapapa“, einfache Flipflops aus Plastik. In ihrer Kindheit waren diese oft die einzigen Schuhe, die zur Verfügung standen. Anhand dieser Flipflops gelingt es Kusanika, den Zuhörerinnen und Zuhörern ein Gefühl für ihr damaliges Leben zu vermitteln. Die Schuhe hielten nicht lange, neue konnten nicht einfach gekauft werden. Riss der Riemen, ging man zum Schuster, der ihn reparierte. Gleichzeitig schützten die „Mapapa“ vor parasitären Flöhen, die sich bevorzugt an nackten Füßen einnisten. In die Kirche durften sie allerdings nicht getragen werden – darauf legte Kusanikas streng religiöse Mutter großen Wert. So entsteht das Bild eines einfachen Lebens, das stark von Gemeinschaft und gegenseitiger Unterstützung geprägt war.
Auch über Religion spricht Kusanika offen und differenziert. Für sie stehe außer Frage, dass es Gott gebe, sagt sie. Der Glaube habe ihr geholfen, sich nicht verloren zu fühlen. Gleichzeitig setzt sie sich kritisch mit religiösem Dogmatismus auseinander. In ihrer Herkunftsgemeinschaft habe es kaum Akzeptanz für Nicht-Glauben gegeben. Die Bibel könne Orientierung geben, so Kusanika, sie könne aber auch als Machtinstrument missbraucht werden. Aus Protest gegen religiöse Konventionen entschied sie sich bewusst gegen eine Ehe.
Ambivalenz prägt auch ihre Erfahrungen in Deutschland. Obwohl sie sich angepasst habe, sei sie immer wieder mit Klischees und offener Diskriminierung konfrontiert worden. Häufig werde unausgesprochen davon ausgegangen, dass sie irgendwann „zurückgehe“. Das Bild des zeitlich begrenzten Gastes sei noch immer tief verankert. Auf die Frage, ob es in Afrika Herde gebe, habe sie daher bewusst geantwortet: „Ich komme nicht aus Afrika, ich komme aus dem Kongo.“ Ein Land mit vielfältiger Kultur – und weit mehr als den gängigen Schlagworten von Armut, Ebola und Krieg.
Nadège Kusanika engagiert sich neben ihrer schriftstellerischen Arbeit auch regelmäßig in öffentlichen Diskussionen zu Rassismus, Zugehörigkeit und postkolonialen Perspektiven – Themen, die auch ihren Roman prägen.
Organisiert wurde die Lesung vom Internationalen Club Bad Nauheim, vom Verein Bad Nauheim – fair wandeln, dem Arbeitskreis Brot für die Welt der Evangelischen Kirche Bad Nauheim und Ober-Mörlen unterstützt. Der Weltladen Bad Nauheim setzte mit der Verkostung von Kaffee und Tee einen besonderen Rahmen für die Veranstaltung.
