Lesung mit Derviš Hızarcı zu seinem Buch „Zwischen Hass und Haltung“
Am 8. Februar veranstaltete der ICBN in Kooperation mit dem Ausländerbeirat Bad Nauheim sowie dem Bündnis „Demokratie schützen“ eine Lesung und Diskussion mit dem Berliner Autor, Antidiskriminierungsexperten und Aktivist gegen Antisemitismus, Derviš Hızarcı. Die vom freien Journalisten und ehemaligen HR-Moderator Klaus Pradella klug und professionell moderierte Lesung im Gemeindezentrum Wilhelmskirche fand mit rund 90 Teilnehmern regen Anklang.
Besonders erfreut zeigte sich der Vorstand des ICBN über die Teilnahme der jüdischen als auch türkisch-islamischen Gemeinde Bad Nauheim sowie der beiden christlichen Kirchengemeinden.
Hızarcı, 1983 in Berlin als Sohn türkischer „Gastarbeiter“ geboren, engagiert sich seit langer Zeit gegen religiös oder ethnisch begründete Diskriminierung und gegen Antisemitismus. So gründete er die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, war unter anderem Antidiskriminierungsbeauftragter des Landes Berlin, ist Mitglied im Beraterkreis des Bundesbeauftragten für jüdisches Leben in Deutschland und wurde vom Bundespräsidenten mit der Verdienstmedaille der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Sein unermüdlicher und exponierter Einsatz für interkulturelle und -religiöse Toleranz sowie gegen Antisemitismus in Deutschland ist in seinen persönlichen Erfahrungen mit alltäglicher Diskriminierung als Deutscher mit Migrationshintergrund auf der einen und der Prägung durch ein sehr weltoffenes
und tolerantes Elternhaus auf der anderen Seite begründet. So war eine jüdische Nachbarin der Familie, die den Holocaust überlebt hatte, buchstäblich täglicher Gast am Familientisch.
Geprägt wurde sein politisches Engagement aber sehr stark durch den 11. September 2001, den islamistischen Anschlägen auf die USA. Im Gefolge dieser Anschläge waren Muslime auch in Deutschland dem einseitigen Druck ausgesetzt, sich öffentlich und wiederholt vom islamistischen Terror zu distanzieren. Eine solche Forderung führe jedoch bestenfalls zu Lippenbekenntnissen, schlimmstenfalls zu Ausgrenzung und Abwehrhaltung. Dies umso mehr, als Hızarcı in seinem sehr autobiographisch geprägten Buch anschaulich von alltäglichen Diskriminierungserfahrungen der Muslime und Einwanderer in Deutschland berichtet. Auch die allfällige Forderung zur Integration sei immer einseitig von der deutschen Mehrheitsgesellschaft an die migrantischen Minderheiten gerichtet, ohne sich selbst in die „Integrationsgleichung“ einzubeziehen. Auch heute noch erlebe er als Integrationsbeauftragter, aber auch als Vater schulpflichtiger Kinder, wie sehr soziale und ethnische Herkunft die schulische Laufbahn von Kindern bestimmten. Dies setze sich im weiteren Leben fort, z.B. bei der Wohnungssuche. An die Zuhörer gerichtet betonte Hizarci, dass nach dieser Lesung Keiner mehr den Luxus habe zu sagen: „Ich wusste nicht, dass es diesen Alltagsrassismus gibt.“
Aber Hizarci belässt es nicht bei dieser anschaulichen Beschreibung der Hindernisse für ein Zusammenwachsen unserer Migrationsgesellschaft und der Gefahren für unsere Demokratie, die durch Ausgrenzung, Polarisierung und Hetze entstehen. Vielmehr plädiert er als engagierter Pädagoge und Humanist dafür, aufeinander zuzugehen, zuzuhören und sich in die Perspektive des oder der Anderen hineinzuversetzen. Es gehe um gegenseitiges Zuhören und Kennenlernen anstatt auf Hetze und Meinungsmache, v.a. in den „sozialen“ Medien, hereinzufallen. In anschaulicher Zuspitzung betont er, dass „kein Mustafa einem Karl-Heinz die Arbeit wegnimmt und genauso wenig kommt ein Flüchtling aus Afghanistan, um hier Sozialleistungen zu erschleichen oder islamistische Anschläge zu verüben.
Am Ende seien wir Alle gefordert, eine Haltung zu entwickeln und sie zu zeigen, wenn es erforderlich ist.
Dass die Diskussion im Anschluss so lebhaft verlief und dazu führte, dass die Veranstaltung deutlich länger dauerte als geplant zeigt, dass Hızarcı mit seinem Buch, seiner persönlichen Haltung und seiner Dialogfähigkeit einen Nerv getroffen und wichtige Denkanstöße für das Zusammenleben und -wachsen in unserer Migrationsgesellschaft gegeben hat.
Nach herzlichen Dankesworten an Autor Derviš Hızarcı und Moderator Klaus Pradella verwies ICBN Vorsitzende Ursula Leichtweiß auf das in Bad Nauheim bereits bestehende Trialog – Format des „Café Abraham“, das vornehmlich religiöse Inhalte erläutert und bespricht. Dies sei ein Baustein zu mehr Verständnis, Akzeptanz und Respekt.
Bericht: Rüdiger Hartmann
